The Skye Trail

Tag 1: Uig – Duntulm Castle, 16 km, 615 hm
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Tag 1: Uig – Duntulm Castle, 16 km, 615 hm

In 2016 beschloss ich mit den Trips in die deutschen Mittel- und Hochgebirge zwei Wochen kürzer zu treten und auch Schottland zu meinem Ziel für ein achttägiges Trekkingabenteuer zu machen. Zur Auswahl standen für mich Colonsay und die Isle of Skye, welche letztlich das Rennen als klarer Sieger verließ. Auf den folgenden Seiten begleitest Du mich auf meiner 128 km langen Tour mit einem Gesamthöhenunterschied von 5.675 m über die wundervolle Wolkeninsel.

Das Abenteuer begann

Kaum angekommen, rannte mir bereits die Zeit davon. Denn in gewohnter gedanklicher Leichtfüßigkeit, die ich auch für Schottland nicht ablegte, nahm ich mir für diesen ersten Tag auch gleich ein ganzes Stück Weg vor. Immerhin rund 16–18 km galt es zu meistern. Nun klingt das nicht gerade viel. Zugegeben: noch weniger hört es sich nach Anstrengung an, bedenkt man die lausigen 615 Höhenmeter. Ha, ein Klacks! Man muss dazu aber wissen, dass mein inzwischen mit reichlich Tütenfeinkost und Trinkwasser gefüllter 29 kg leichter Rucksack und ich Uig erst gegen 13.30 h mit dem Fernbus erreichten und uns zunächst einmal orientieren und auch eine Kleinigkeit zu uns nehmen wollten.

Gedacht, getan, orientiert. Schottland, die Isle of Skye: Geburtsstätte meines Jugendhelden Connor MacLeod, dem berühmten Highlander. Obschon sich in meinen Gedanken in der Tat alles um die Fernsehversion des letzten kühnen Kämpfers aus dem Clan der MacLeods drehte, war es schon ein wenig cool, auf seinen erdachten Pfaden zu wandern. Erdacht? Nun, der Familiensitz der echten Clan Chiefs der MacLeods ist Dunvegan Castle, südwestlich meines Startpunktes am gleichnamigen Loch gelegen. Die Filmcharaktere Connor und Duncan MacLeod des 16 Millionen US Dollar teuren Meisterwerks allerdings stammen aus Glenfinnan, südöstlich der Insel Skye. Auf dem Weg nach Uig aber fuhr ich immerhin am Eilean Donan Castle vorbei, das nicht nur für den Stammsitz des Highlanders sondern auch dem Team von James Bond – Die Welt ist nicht genug – als Filmkulisse diente.

Wieder in der realen Welt angekommen, bot sich mir den gesamten Nachmittag ein einzigartiges Panorama über die schroffen Klippen der Westküste und eine der letzten Festungen Europas vor dem stürmischen Atlantik auf die Schottische See. Auf der anderen Seite reichte der Blick weit ins bergige Inselland. Etwas später am Tage meinte ich gar kurz einen Delphin, eine Robbe oder vielleicht auch einen Otter beim gemächlichen Abendspaziergang zu beobachten. Das allerdings konnte durchaus der Euphorie geschuldet sein. Vielleicht handelte es sich um eine Boje oder potenzielles Strandgut. In den Wassern der äußeren Hebriden lassen sich gar Grindwale und mit viel Glück auch die zweitgrößten Fische der Erde beobachten: Riesenhaie.

Mein Weg führte mich anfangs lange Kilometer über den Asphalt, eine Serpentinen- und später auch eine Bundesstraße. In ein paar Tagen schon sollte ich diese befestigten Wege zugegebenermaßen ein wenig missen. Noch auf der Bundesstraße unterwegs, fragte ich mich, ob die unwirklichen Berge zu meiner Rechten später auch zur Route gehören sollten. Bereits hier war klar: die Hebriden bieten ein einzigartiges Terrain, wie es in Europa nirgendwo anders zu finden ist. Bedingt durch die schier grenzenlose Landschaft schienen die Straßen endlos zu sein. Bis ich aufmerkte, da mein GPS mit einem Mal keine Route mehr anzeigte – natürlich, ich war zu weit gelaufen. Schließlich drehte ich um und fand einen kaum sichtbaren Pfad inmitten der von Regen mäßig bis stark unterspülten Graslandschaft, dem ich Richtung Norden folgte. Mit bis zu 3 m Regen pro Jahr bilden die Inselgruppen die absolute Niederschlagsspitze Europas.

Nach einem oder zwei Kilometern durch die moorartigen Grasgefilde stellte sich ein kleiner Fehler meinerseits bei der Routenplanung heraus: da war ein Zaun. Mit Stacheldraht gesichert. Letztendlich aber gab es keinen anderen Weg als diesen, über die hinter dem Zaun liegende Weidefläche auf der sich in kaum sichtbarer Entfernung eine kleine Herde Rinder tummelte. Ein wenig sorglos schlenderte ich über die matschige Wiese und wie hätte es anders sein können? Natürlich: ohne Vorwarnung verschwand mein rechtes Bein in einem über kniehoch tiefen Loch im trüb flüssigen Grasboden. Mit meinem neuen Schick und einem, vom Abstützen mit der rechten Hand und der sich darin befindlichen Kamera auf dem schwimmenden Boden, für anderthalb Tage außer Funkton gesetzten Autofokus führte ich meinen Weg fort und landete schließlich, nach ein paar weiteren Zäunen und Gattern, zunächst auf einem Feldweg und schließlich auf der Küstenstraße, die mich bis zum Strand leitete. Dazu muss ich erwähnen, dass vielleicht nicht jeder meine Vorstellungen von Strand gleichermaßen teilt. Es war eine eher wilde, für die meisten wohl wenig freundliche und schwarzgefärbte Felslandschaft, die sich mir bot.

Freilich entschleunigte sich auch mein Abend nach einem prüfenden Blick auf mein GPS Gerät sowie die weitere Routenführung und die anfängliche Hast verschwand. Zurecht, denn Duntulm Castle, mein auserkorener Schlafplatz für diesen Tag, war bereits in Sichtweite. Drum herum allerdings mit einigen Häusern bestückt, die auf meiner Karte nicht eingezeichnet waren. So entschied ich, noch vor Einbruch der Dämmerung, sehr glücklich und von den Eindrücken des Tages geschwängert das Zelt bereits zwei Kilometer vor der kleinen Burgruine aufzustellen. Am nächsten Morgen sollte sich meine Entscheidung als richtig erweisen – es gab rund um die Ruine keinen schönen Platz zum Schlafen. Nur ein paar Häuser, ein Hotel und die Bundesstraße. Den schweren Rucksack das erste Mal seit meiner Ankunft abgesetzt, stellte sich ein sehr ungewohntes und schwebendes Gefühl ein – fast so als ginge ich auf Wolken.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit, ich war gerade mit dem Wasserfiltern beschäftigt, durfte ich noch Zeuge eines kleinen Kampfes zwischen drei Seeadlern und meiner ungeschulten Meinung nach zwei Bussarden werden – es konnten aber vom Flugbild her auch zwei weitere, jüngere Adler sein. Im Flug erwischte es eine der adlerschen Streitparteien, die sofort an einem Hang zu Boden ging und fortan, während sie offensichtlich verletzt hinauf hüpfte, von den vermeintlichen Bussarden aus dem Flug heraus attackiert wurde, bis die Greifvögel am Horizont der Erhebung verschwanden. Die auf den Hebriden ansässigen Adler wurden Anfang des 20. Jahrhunderts von Jägern ausgerottet. Im Jahr 1918 wurde das letzte Tier erschossen. Seit den 1970ern aber werden sie sehr erfolgreich wieder angesiedelt und die Population zählt heute bereits über 50 Paare. So wird heute allein auf der Isle of Mull ein jährlicher Erlös von mindestens 5 Millionen Pfund nur mit den dem Adler zuzuschreibenden Einnahmen aus dem Tourismus erzielt.