East Highland Way

Tag 1: Fort William – Spean Bridge, 19 km, 865 hm
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Tag 1: Fort William – Spean Bridge, 19 km, 865 hm

Schottland, die Highlands. Ein sagenumwobenes und geheimnisvolles Mittelgebirge, umgeben von abenteuerlichen, schroffen und teils sehr abgelegenen Insellandschaften. Meine zweite Trekking Tour durch das Land der Helden und Mythen beschreibt den inoffiziellen East Highland Way. Als Gegenpart des West Highland Way bietet der östliche Trek eine mehr abgelegene und streckenweise anspruchsvollere Route.

Fort William, ich komme!

Wie auch meine vorherige Trekking Route über die geheimnisvolle Isle of Skye, dem Skye Trail, begann mein heutiger und auch erster Streckenabschnitt in gewohnter Hast und Eile. Bereits in der Frühe brachte mich der Fernbus von Glasgow nach Fort William und setzte mich gen Mittag dort ab. Der erste Eindruck ist immer der wichtigste, sagt man ja. Es war ein wundervolles Bild, das sich mir bot. Fort William ist ein kleines, von Bergen und dem Ozean umgebenes Städtchen mit unter 6.000 Einwohnern. Noch bevor meine heutige Wanderung begann, erspähte ich den dichten Nebel, in dem die Berge sich rund herum versteckten. Es gab eine Sturmwarnung der Stufe 3 – das bedeutet, es ist mit schwerster Verwüstung zu rechnen. Aber das sollte mich nicht davon abhalten, meine ersten 19 km zu wandern.

Ich startete auf dem Great Glen Way, der zunächst über einen schmalen Pfad am River Lochy, einem wild anmutenden Kanal, entlang führte. Bereits nach zweieinhalb Kilometern erreichte ich das erste Highlight meiner heutige Route: die Burgruine des Inverlochy Castle. Zugegeben, ich hatte eine spektakuläre alte Festung mit hohen Türmen und prunkvoll gestalteten Dächern erwartet. Aber dafür kam ich wohl ein paar Hundert Jahre zu spät. Dennoch: die alte Ruine vermochte mich einige Minuten innehalten zu lassen. Zerfallen war sie; beeindruckend aber allemal.

Der weitere Streckenverlauf führte mich weiter am Kanal entlang über eine geräumige Wiese, an deren Ende es wieder in die Stadt hineinzugehen schien. Dabei wollte ich doch abenteuerlich in den East Highland Way starten? Ein kurzer Blick auf’s GPS Gerät verriet, dass ich weder verkehrt abgebogen war, noch falsch geplant hatte. Denn mein Weg führte mich nach einem kurzen städtischen Abschnitt mitten durch die Ben Nevis Distillery. Einer traditionsreichen und, wie ich meine, über die Landesgrenzen hinaus bekannten Whiskybrennerei, deren Geschichte bis ins Jahr 1825 zurück reicht. Es war nicht sofort ersichtlich, wo der Weg denn nun entlang führte. Letztlich fand ich ihn linker Hand an einem schmalen, von Bäumen um- und überwachsenen Pfad endend. Von hier an ging es durch das Grasland den Fuße des Meall An T-Suidhe hinauf. Ganze 280 Höhenmeter galt es somit gleich zu Anfang am Stück zu überwinden. Freilich: mit etwas Training ist der Anstieg kein Problem. Wie es auf Trekking Touren aber immer so ist, hatte ich mir auch dieses Mal wieder rund 25 kg Gepäck auf den Rücken geladen. Daran gilt es sich erst einmal zu gewöhnen.

Bereits bei 40 Höhenmetern schied sich meine Route vom Streckenoriginal. Ich mochte höher hinaus, weiter sehen und eben auch eine anspruchsvollere Tour laufen. Der eigentliche östliche Weg durch die Highlands führte zu dieser Zeit ein ganzes Stück an einer Bahnlinie entlang. Diesen Part tauschte ich also.

Den Anstieg über galt es die bereits auf meiner ersten Tour über die Isle of Skye so geliebten und zugleich verhassten teils tief unterspülten Grasflächen zu meistern. Die urigen Bäume links und rechts des Weges entschädigten aber für das Nass und alle Mühen. Der kaum erkennbare Pfad, den ich einige Male versehentlich verließ, wechselte alsbald in einen grobsteinigen breiten Bergweg. Hier entdeckte ich zum ersten Mal die gewaltigen Rohranlagen eines am Bergmassiv entlangführenden Pumpspeicherkraftwerks und fragte mich, ob ich meine Last wohl bis ganz nach oben tragen muss – mehrere Wege waren dort oben zu erspähen. Glücklicherweise endete der Aufstieg zunächst auf halber Höhe des Speicherkraftwerks. Und es wäre nicht Schottland, wenn zur kleinen Feier des gemeisterten Aufstieges nicht auch der Regen einsetzen würde. Es wäre auch nicht Schottland, wenn es nicht Minuten später wieder warm und sonnig wäre. Und so kam es auch. Belohnt wurde ich für die Mühen mit einem atemberaubenden Blick auf Fort William, die umgebenden Highlands und den offenen Ozean.

Nach einem ausgedehnten Sonnenbad auf freiem Feld führte eine breite Forststraße in einen urigen Hexenwald hinein. War ich doch schon schon von den Hunderte Meter weiten Farnfeldern während des Aufstieges so begeistert, war es nun, umgeben von knochigen Märchenbäumen, völlig um mich geschehen. Das landschaftliche Bild aber prägten auch viel Totholz und vom Sturm entwurzelte Stämme. Insgesamt war es ein sehr abgeschiedenes, einsames und für mich perfektes Stimmungsbild. Einzig zwei miteinander liebäugelnde Libellen kreuzten meinen Weg.

Nachdem sich der Wald lichtete und die inzwischen wieder brennende Sonne anfing, mir ein wenig Schweiß auf die Stirn zu treiben, war der Ruf eines Falken zu vernehmen – just als ich den dichteren Teil des Waldes verließ. Nach gefühlt endlosen Kilometern auf einer weniger attraktiven und eher breiten Forststraße durfte ich sie dann gegen einen schmalen Waldpfad tauschen. Ab hier wurde ich minütlich von einer kleinen Gang lästiger, beißender Fliegen überfallen, die sich so flach an die Haut hefteten, dass ein Abstreifen kaum möglich war. Nein, es waren nicht die berüchtigten Midges - der interessierte Outdoor Fan identifiziert sie als Hirschlausfliegen und wirklich unfreundliche kleine Biester.

Offensichtlich hatte ich mich bei der Planung des weiteren Weges für eine Mountainbike Route entschieden. Das allerdings war nicht weiter schlimm. Man ist schließlich aufmerksam und sie zu umgehen war, erst einmal auf ihr laufend, gar net so einfach. Gegen 16.30 Uhr endete mein erster Schottland Tag bereits. Den für heute geplanten Abschnitt hatte ich hinter mich gebracht und war stolz wie auch erleichtert zugleich. Damit aber war der Tag noch nicht zu Ende. Es dauerte seine Zeit, bis das Zelt an seinem Platz stand. Entschieden hatte ich mich für eine weitläufige Wiese, an einem Waldstück gelegen. Es stellte sich als kleine Herausforderung dar, zunächst eine geeignete, einigermaßen ebene Stelle zu finden, die groß genug für mein mobiles Zuhause war. Zudem hielt inzwischen auch der Wind Einzug in die weite Lichtungsfläche.

Was es noch zu unternehmen galt, war für Trinkwasser zu sorgen. Kaffee, Müsli und Nudeln wollten schließlich nicht trocken verzehrt werden. Schnell wurde ich fündig, schluckte aber einige Male als ich das tief orangefarbene, schaumige Wasser in den Weithalsflaschen sah. Dabei lief es doch bereits durch die Entkeimungspumpe. Nun, wozu führte ich zusätzlich Entkeimungstabletten mit? Über die gesamte Trekking Tour arrangierte ich mich mit dem mal mehr, mal weniger gelb- bis orangefarbenen Flusswasser. Geschmacklich rührte die ungewohnte Färbung nicht von der Landwirtschaft her, sondern von einem sehr hohen Eisenvorkommen im Boden und den Bergen.

Bevor der erste Tag sein Ende fand bildete ich mir ein, beim Aufkochen meiner nahrhaften Fertigmahlzeit, gar ein Wildschein im Nahegelegenen Waldstück gehört zu haben. Alles in allem war es ein wundervoller Wandertag.